Predigt zum Ostermontag

Eine Ostererfahrung aus dem eigenen Leben:
Ich bin mir sicher, jeder von uns könnte eine Geschichte erzählen.
Eine Ostererfahrung machen die Emmausjünger: Erst Rückzug, dann Aufbruch; erst niedergeschlagen, dann gestärkt. Was dazwischen im Innersten eines Mitmenschen passiert, erfahren wir oft im Alltag nicht. Der Evangelist Lukas erzählt uns das. Er lässt uns eintauchen in die Gedankenwelt der Jünger; er lässt uns teilhaben an der Gegenwart Jesu – auf dem Weg, im verstehenden, tröstenden und ermutigenden Wort und später im Mahl, beim Brechen des Brotes.
Was die Emmausjünger auszeichnet: Sie öffnen sich auf dem Weg füreinander, und sie lassen sich auf den Fremden ein, der anfangs nichts zu verstehen vermag. Das sind die beiden Haltungen, die zur Auferstehungserfahrung führen und sie letztlich zu österlichen - zu aufgerichteten und aufrichtigen - Menschen machen. Und Jesus: Er holt die Emmausjünger, die sich vom Kreuz, von Jerusalem, von der Jüngerschar, entfernt haben, in die Beziehung zu sich zurück. Mehr noch: Er möchte sie an seiner Erfahrung der Ohnmacht, des Scheiterns, des Kreuzes, aber auch des guten Hirtens, der das Verlorene sucht, das Verirrte zurückbringt, das Verwundete verbindet und das Schwache stärkt, teilhaben (vgl. Ez. 34,16).
Was fangen wir heute am Ostermontag mit dieser Ostererzählung an? Große gesellschaftliche und politische Veränderungen umgeben uns: Krisen, Konflikte, und Kriege, die kein Ende nehmen. Und dabei ist gleichzeitig jeder einzelne herausgefordert, sich in seiner jeweiligen Lebensphase seiner ganz eigenen Wirklichkeit zu stellen und für sich gute Wege zu finden und zu gehen. Da tut es gut, nicht alleine unterwegs sein zu müssen: Ehepartner, Familie, Freunde. Eine Kirchengemeinde – als christliche Glaubens- und Weggemeinschaft -könnte eine weitere wert-volle Stütze und Hilfe sein, aus den geistlichen Quellen zu schöpfen und miteinander fruchtbar zu teilen. Warum sollte ich mich denn heute einer Kirchengemeinde überhaupt anschließen? Worin unterscheidet sie sich von anderen Vereinen und Zusammenkünften?
Eine Ostererfahrung aus dem eigenen Leben! Was ist meine Ostererfahrung in den letzten Monaten gewesen? Jeden Tag habe ich mir eine Erkenntnis aufgeschrieben: „Wie gefährlich ist die Vogelgrippe für Pinguine? Wen interessierts“, so habe ich einmal aufgeschrieben. Wir sind manchmal umgeben und konfrontiert von Banalitäten, und verlieren dabei den Blick für das Schöne, Wunderbare und Heilvolle im Leben und in der Welt, letztlich Gott. Auferstehungserfahrungen stehen für mich in unmittelbaren Zusammenhang mit einer Sehnsucht nach Verstanden- werden, nach geschenkter Zeit, nach sinnvoller Deutung, nach Ermutigung und Zuspruch.
Ich möchte mit einem Gedicht von Andreas Knapp schließen, das ganz gut zum heutigen Evangelium passt, ein Gedicht „von Gott aus gesehen“, das ich mir am Ende des 91. Tages in mein Tagebuch geschrieben habe:
Von Gott aus gesehen
Ist unser Suchen nach Gott
vielleicht die Art und Weise,
wie er uns auf der Spur bleibt,
und unser Hunger nach ihm das Mittel,
mit dem er unser Leben nährt.
Ist unser irrendes Pilgern
das Zelt, in dem Gott zu Gast ist
und unser Warten auf ihn
sein geduldiges Anklopfen.
Ist unsere Sehnsucht nach Gott
die Flamme seiner Gegenwart
und unser Zweifel der Raum,
in dem Gott an uns glaubt!